Was ist Anthroposophische Medizin?

Grundlage der Anthroposophischen Medizin ist die naturwissenschaftliche Forschung sowie die Einsichten in die Lebensvorgänge und das Seelisch-Geistige des Menschen, wie sie durch die anthroposophische Geisteswissenschaft Rudolf Steiners zugänglich gemacht worden sind. Alle anthroposophischen Ärzte haben eine vollständige schulmedizinische Ausbildung hinter sich – viele haben eine Zusatzausbildung als Facharzt (z.B. Allgemeinmedizin, Kinderarzt, Internist) und arbeiten entweder in der Praxis oder in den Kliniken: Klinik Arlesheim in Arlesheim, Paracelsus-Spital in Richterswil, in einer der anthroposophisch erweiterten Spitalabteilungen (Zentrum für Integrative Medizin am Kantonsspital in St. Gallen, Ospidal Engiadina Bassa in Scoul) oder an der IKOM, Inselspital in Bern (ambulant, konsiliarisch). Die Weiterbildung zum anthroposophischen Arzt ist in der Schweiz von der FMH offiziell anerkannt. Es gibt auch Kurse für Pflegende sowie eine berufsbegleitende Ausbildung für Rhythmische Massage. Entsprechend werden auch die anthroposophischen Heilmittel der Weleda und Wala ärztlich verordnet, ebenso die Heileurythmie und die künstlerischen Therapien: Sprachtherapie, therapeutisches Malen und Plastizieren sowie Musiktherapie. Dabei ist die Art der Anwendung entweder innerlich oder durch Injektion, beziehungsweise in Form äusserer Therapieanwendungen wie Wickel, Salbenauflagen, Einreibungen oder durch Rhythmische Massage. Der Heileurythmie und den künstlerischen Therapieformen kommen im Konzept der Anthroposophischen Medizin eine bedeutende Stellung zu, weil durch sie nicht nur die Eigenaktivität des Patienten in schöpferischer Weise angeregt wird, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstregulation und Gesunderhaltung.

Der Beitrag der Anthroposophischen Medizin zum Gesundheitswesen der Schweiz ist der Impuls, gemeinsam mit anderen medizinischen Richtungen – insbesondere mit den Vertretern der Schulmedizin – an einem medizinischen Gesamtkonzept zu arbeiten, das dem Wesen des Menschen nach Leib, Seele und Geist gerecht wird.


Geschichte und derzeitige Verbreitung

Die Anthroposophische Medizin wurde zu Beginn der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts von Dr. med. Ita Wegman und anderen Ärzten in Zusammenarbeit mit Dr. phil. Rudolf Steiner begründet. 1921 entstanden in Arlesheim und Stuttgart erste klinisch-therapeutische Institute mit angegliederten pharmazeutischen Laboratorien, den Vorläufern der späteren Arzneimittelbetriebe Weleda und Wala. Steiner und Wegman verfassten gemeinsam das Grundlagenwerk: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Seither haben sich Forschung und klinische Anwendung der Anthroposophischen Medizin sowohl auf diagnostischem als auch therapeutischem Gebiet kontinuierlich weiterentwickelt. Die Anthroposophische Medizin hat sich von Anfang an als ein die Methoden der Schulmedizin integrierendes Konzept verstanden. Neben der Verbreitung in Arztpraxen wird die Anthroposophische Medizin in zahlreichen klinischen Einrichtungen ausgeübt. So gibt es Kliniken, Sanatorien und klinikähnliche Einrichtungen in Deutschland, Schweiz, Schweden, Holland, Italien, USA und Brasilien. Hinzu kommt die weit verbreitete Tätigkeit von Heileurythmisten, Kunsttherapeuten, Gesprächstherapeuten etc. Niederlassungen und Vertrieb anthroposophischer Arzneimittel existieren in den meisten europäischen Ländern, sowie in Nord- und Südamerika, Russland, Südafrika, Ägypten, Japan, Australien und Neuseeland.


Ethik und Selbstverständnis

Im Zentrum stehen der Patient und die individuelle Therapie. Aus diesem Grunde kommen Therapieschemata nur ausnahmsweise zur Anwendung. Lebensalter, Konstitution, biographische Situation und die seelisch-geistige Befindlichkeit werden in Diagnostik und Therapie miteinbezogen. Zusätzlich zur allgemeinen Standesethik liegt der ärztlichen Ethik das philosophische Hauptwerk Rudolf Steiners zugrunde: Die Philosophie der Freiheit, Grundzüge einer modernen Weltanschauung, in der die Konzeption des ethischen Individualismus im Mittelpunkt steht sowie ein Menschenbild, das die ewige Individualität des Menschen anerkennt – auch in einem kranken und behinderten Körper. Damit wird die materialistische Weltanschauung, die der naturwissenschaftlichen Medizin immanent ist, durch die Erkenntnis der geistigen Grundlagen der Welt ergänzt. Zu dieser umfassenden ethischen Konzeption gehört auch der Gedanke der Wiederverkörperung und das Vertrauen in die unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit des menschlichen Wesens. Aufgrund dieses evolutionären Ansatzes kommt der Prävention durch meditative Schulung, Selbsterziehung und Selbstentwicklung eine zentrale Stellung zu. Um den Präventionsgedanken zu fördern, haben sich in vielen Ländern Patientenverbände gebildet, die sich für die Verbreitung gesundheitsfördernder Massnahmen auf geistiger, seelischer und körperlicher Ebene einsetzen.